Was sind selbstauflösende Fäden?
Resorbierbare (selbstauflösende) Nahtmaterialien sind synthetisch hergestellte Polymer-Fäden, die der Körper über Wochen bis Monate hinweg enzymatisch und durch Hydrolyse abbaut. Es ist kein nachträglicher Fadenzug nötig — die Naht hält das Gewebe so lange zusammen, wie es zum sicheren Wundverschluss erforderlich ist, und löst sich anschließend rückstandslos auf.
Im Gegensatz dazu bleiben nicht-resorbierbare Fäden (z. B. Polypropylen, Nylon, Seide) dauerhaft im Gewebe und müssen — bei Hautoberflächennähten — nach 5 bis 14 Tagen vom Arzt entfernt werden. Beide Materialklassen haben Indikationen; die Wahl ist immer eine ärztliche Einzelfallentscheidung abhängig von Schnittführung, Gewebsspannung und ästhetischem Ziel.
Welche Materialien wir verwenden
Wir setzen primär drei Materialklassen ein, jeweils nach Indikation: Polyglactin 910 (Markenname z. B. Vicryl) für tiefere, schichtweise Nähte mit einer Resorptionszeit von rund 60 bis 90 Tagen. Poliglecaprone 25 (Monocryl) für intrakutane Hauptnähte direkt unter der Hautoberfläche, mit einer feineren Fadenstärke und einer Resorptionszeit von rund 90 bis 120 Tagen — das ist unser Standard für unauffällige Narbenführung bei Bauchstraffung, Bruststraffung und Facelift. Polydioxanon (PDS) für besonders zugbelastete Schichten (z. B. tiefe Fasziennähte), das mit rund 180 bis 220 Tagen die längste Reißfestigkeit unter den gängigen resorbierbaren Materialien hat.
Alle drei Materialien sind seit Jahrzehnten klinisch etabliert, biokompatibel und werden in Mikrochirurgie und plastischer Chirurgie weltweit eingesetzt. Eine Allergie auf das eigentliche Material ist sehr selten; falls sie auftritt, ist sie reversibel und gut behandelbar.

Wundheilung — was wann passiert
Die Wundheilung läuft in vier ineinander übergehenden Phasen ab: Exsudationsphase (Tag 1–3) mit Wundverschluss und entzündungsbedingter Schwellung; Granulationsphase (Tag 4–21) mit dem Aufbau neuen Gewebes; Epithelisierungsphase (Tag 7–28) mit dem Schluss der äußersten Hautschicht; und Maturationsphase (Monat 1–12) mit dem schrittweisen Umbau der Narbe — Rötung verblasst, das Gewebe wird weicher.
Resorbierbare Fäden begleiten diese Phasen: In der frühen Heilung (Wochen 1–3) halten sie das Gewebe sicher zusammen. Ab Woche 3 bis 6 nimmt die Reißfestigkeit des Materials sukzessive ab — synchron zur natürlich wachsenden Eigenfestigkeit der heilenden Wunde. Bis Monat 2 bis 6 ist das Material vollständig resorbiert. Das ist klinisch entscheidend: Die Naht trägt genau so lange, wie das Gewebe Unterstützung braucht.
Während der Resorption ist normalerweise nichts spürbar. Selten kann ein kleiner Knoten an der Hautoberfläche kurz tastbar sein, bis er sich auflöst — das ist harmlos und löst sich von selbst.
Komfort und Narbenbild im Vergleich
Aus Patient:innen-Sicht ist der größte Unterschied der Wegfall des Fadenzug-Termins. Bei großen Eingriffen wie Bauchstraffung oder Bruststraffung würden klassische Fäden mehrere Fadenzug-Termine über 1 bis 2 Wochen erfordern — mit resorbierbaren Fäden reduziert sich die Nachsorge auf reine Wundkontrolle.
Beim Narbenbild zeigt sich der Unterschied an der intrakutanen Naht: Eine versenkte, selbstauflösende Naht setzt keine Stichkanäle an der Hautoberfläche und vermeidet das gefürchtete „Eisenbahnschwellenmuster“, das bei oberflächlich gestochenen Einzelknopfnähten entstehen kann. Das Endergebnis ist typischerweise eine strichfein hellrosa und nach 6 bis 12 Monaten eine kaum sichtbare reife Narbe.
Wichtig: Das Nahtmaterial allein bestimmt nicht die Narbe. Schnittführung entlang der Spannungslinien, sorgfältige Subkutanadaptation, spannungsfreier Wundverschluss, Nikotin-Karenz und konsequente Narbenpflege in den ersten 6 Monaten sind die größeren Hebel.
Wann wir doch klassische Fäden verwenden
An mechanisch stark beanspruchten oder sehr feinen Hautregionen verwenden wir bewusst nicht-resorbierbare Fäden mit klassischem Fadenzug — typisch sind Augenlider (Oberlid- und Unterlidstraffung) sowie Lippenregionen (Bullhorn-Lift). Dort ergeben sehr feine 6/0 oder 7/0 Polypropylen-Fäden die feinste Narbe, weil das dünne Fadenmaterial die Haut beim Einstich kaum traumatisiert und der gezielte Zug nach 5 bis 7 Tagen die Narbe glatt verschließt.
Auch bei Patient:innen mit erhöhtem Risiko für hypertrophe Narben oder Keloide kann eine kürzere äußere Nahtzeit mit klassischen Fäden vorteilhaft sein — wir entscheiden das im Erstgespräch (100 €) gemeinsam mit Ihnen.
Bei welchen Behandlungen wir resorbierbare Fäden verwenden
In unserer Praxis kommen selbstauflösende Fäden routinemäßig bei der Bauchstraffung, der Bruststraffung, der Brustvergrößerung mit Implantaten oder Eigenfett, der Brustverkleinerung, dem Facelift in SMAS-Technik, der Oberarm- und Oberschenkelstraffung sowie der Renuvion®-Hautstraffung zum Einsatz — überall dort, wo eine versenkte, mehrschichtige Nahtführung das Narbenbild verbessert.
Bei der Oberlid- und Unterlidstraffung, beim Bullhorn-Lift und bei der Bichektomie verwenden wir je nach Schnittführung und Lokalisation entweder resorbierbare oder feinste nicht-resorbierbare Fäden — die Wahl besprechen wir mit Ihnen im OP-Aufklärungsgespräch.
Häufige Fragen
Wie lange dauert es, bis sich die Fäden vollständig auflösen? Materialabhängig zwischen 60 und 220 Tagen. Monocryl und Vicryl resorbieren in 2–4 Monaten; PDS in bis zu 7 Monaten. Klinisch relevant ist nicht die Vollauflösung, sondern der Punkt, an dem die Reißfestigkeit unter die der heilenden Wunde fällt — das ist nach 3 bis 6 Wochen.
Spürt man die Fäden während sie sich auflösen? In der Regel nicht. Sehr selten ist ein kleiner Knoten kurz tastbar — er löst sich innerhalb weniger Wochen von selbst. Schmerzen oder Rötung sind nicht zu erwarten; falls doch, melden Sie sich bitte.
Was passiert, wenn ich auf das Material allergisch reagiere? Allergische Reaktionen auf moderne synthetische Nahtmaterialien sind sehr selten. Falls sie auftreten (lokale Rötung, Juckreiz, Wundheilungsstörung), klingen sie nach der Resorption von selbst ab und sind gut behandelbar. Bei bekannter Nahtmaterialallergie informieren Sie uns bitte vor dem Eingriff.
Können sich resorbierbare Fäden vorzeitig auflösen? Bei bestimmungsgemäßer Anwendung nicht. Die Resorption ist materialspezifisch und vorhersehbar; wir wählen das Material so, dass die Reißfestigkeit deutlich länger anhält, als die Wunde mechanische Unterstützung benötigt.
Ist die Narbenheilung mit resorbierbaren Fäden gleichwertig zu klassischen Fäden? In aller Regel ja — bei intrakutanen Nähten ist sie typischerweise sogar überlegen. An sehr feinen Hautregionen (Augenlid, Lippe) ergibt der klassische 5- bis 7-Tage-Fadenzug die feinere Narbe, weshalb wir dort gezielt nicht-resorbierbare Materialien wählen.






